Geachtet - Geächtet

Widerstandshase


Eine Ausstellung zu 10 Jahre Widerstand gegen Schwarz-Blau.
Christoph Schlingensief stellt seine Ausländer raus!"-Container vor das Burgtheater. Hubsi Kramar erscheint im Adolf-Hitler-Kostüm am Opernball, und die Tortung - von z.B. Hilmar Kabas, Ex-Chef der Wiener FPÖ oder Andreas Khol, damals ÖVP-Klubobmann - etabliert sich als Form politischen Protests.
Medienwirksame Aktionen aus einer Zeit, die mit dem unterirdischen Gang Schüssels, Haiders und Co in die Präsidentschaftskanzlei zur schwarz-blauen Regierungsangelobung begann und in der Rechtspopulismus wieder gesellschaftsfähig wurde.
Immerhin aber auch die Zeit der EU-Sanktionen, Massenproteste und zivilen Ungehorsams.



"So potzt ma si an. Schwoaz-Blau." Druckgrafikerin Eva Möseneder hat das Postkarten- und Ausstellungslogo in der Nacht nach der Regierungsangelobung entworfen.


Geachtet - Geächtet
Ausstellung im Ragnarhof
Grundsteingasse 12
1160 Wien
31. Jänner - 6. Februar
Di-Sa, 16-21h

Archiv des Widerstands
Unter dem Titel "Geachtet - Geächtet" zeigt die Ausstellung im Ragnarhof aber nicht nur die großen Gesten des Widerstands, sondern fokussiert vor allem die vielfältigen kleineren Formen der neuen Protestkultur in bildender Kunst, Musik und Literatur.



So liegt in der rekonstruierten "Botschaft besorgter BürgerInnen", die im Winter 2000 am Ballhausplatz Quartier bezogen hat und Basiszentrale der DonnerstagsdemonstrantInnen war, z.B. nicht nur das schwarz-blaue Regierungsprogramm neben dem Journalbuch der Botschaft, in dem von der Einkaufsliste bis zum polizeilichen Übergriff jedes Detail des Widerstands notiert ist, sondern auch eine detaillierte Chronologie der Demonstrationen von 2000-2005.
Andernorts treffen "Titten gegen Rassismus"-Postkarten auf Widerstands-Häschen, oder ein abgetragenes "Electronic Resistance"-T-Shirt der DJ-Veranstaltungsreihe volkstanz.net auf einen alten PC, an dem sich das Online-Archiv des MUND (Medienunabhängiger Nachrichtendienst) abrufen lässt.
Die Wände sind mit Plakaten, Stickern und Buttons gepflastert.



Plakatkunst zur Wende. Rechts im Bild "Der blaue Planet", das Sujet der IG AutorInnen für die Frankfurter Buchmesse 2000. Kommt einem irgendwie bekannt vor, wenn man an den Strache-Comic anlässlich der EU-Parlamentswahlen im Sommer 2009 denkt.
Ursprünglich war "Geachtet - Geächtet" von Kuratorin Ursula Napravnik und ihrem Team als große Erinnerungstour durch alle neun Bundesländer konzipiert. Aufgrund mangelnder Subventionierung ist das Projekt aber auf eine kleine, aber feine Schau zusammengeschrumpft. Ein typisch österreichisches Schicksal für eine Kulturinitiative. Die Dame vom Ministerium habe nicht gewusst, in welche Kategorie Napravniks Antrag einzuordnen wäre. Darstellende Kunst? Musik? Video? Napravnik hat nie wieder etwas von ihr gehört.
Aber so passt es doch ganz gut. Politischer Widerstand hat sich schon immer besser autonom organisiert.



Schwerpunkt "10 Jahre Schwarz-Blau"

Nach langen erfolglosen "Sondierungsgesprächen" zwischen SPÖ und ÖVP nach der Nationalratswahl 1999 ist es Ende Jänner 2000 dann sehr schnell gegangen: Aus Gerüchten um eine mögliche schwarz-blaue Regierung wurden offizielle Verhandlungen, nach einer Woche waren sich die Koalitionspartner am ersten Februar 2000 einig, am vierten Februar wurde die "Wenderegierung" angelobt, während vor der Hofburg tausende Menschen dagegen demonstrierten. FM4 beschäftigt sich am Montag, 1. Februar 2010 mit der schwarz-blauen Koalition. Was waren ihre politischen Ziele, welchen Einfluss haben damalige Entscheidungen bis heute, wie hat sie Österreichs politische Landschaft verändert? Was waren die Ziele der Protestbewegung - außer "Weg mit Schwarz-Blau!"? Was hat man erreicht? Wie nachhaltig war der damalige plötzliche Politisierungsschub der Zivilgesellschaft und was wurde aus den AktivistInnen von damals? Außerdem ist die Journalistin Anneliese Rohrer zu Gast im Connected Studio und analysiert die Bedeutung der ÖVP-FPÖ- und später ÖVP-BZÖ-Koalition für Österreich.

fm4 Homepage: (Radiobericht)

http://fm4.orf.at/stories/1637737/
von Barbara Köppel
Erstellt am: 31. 1. 2010