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Entstehung und Entwicklung des Ragnarhofs

Dr. Ragnar Mathéy

Das Haus Grundsteingasse 12 wurde im Jahr 1988 von Dr. Ragnar Mathéy (1920-2003), einem Berliner, gekauft. Er war Jurist, Schriftsteller, Erfinder von Elektroautos und Motorrollern, Karpfenzüchter, Kunstmäzen, Selbstdarsteller und Geschichtenerzähler. Ragnar ist mit seinem Berliner Charme und in seiner Art, in einem Satz alles zu sagen, vielen Menschen im Herzen geblieben. Er war ein Lebemensch und Lebenskünstler, ein alteingesessenes Mitglied des Brunnenmarktviertels und bekannt für seine Zitate, wie folgendes: "Wichtig is nischt, dafür ist die Welt zu jross!". Er hatte laut seinen Angaben fünf "Väter" (einen Maler, einen jüdischen Fabrikbesitzer, einen Anwalt, einen General und einen Großverleger), was ihn sehr geprägt und die Vielfalt seines eigenen Schaffens verursacht hat. Nicht nur durch seinen Namen wird Ragnar am Hof unvergessen bleiben. Viele Menschen kennen ihn noch, es gibt viele Geschichten über ihn, und das von ihm gepflegte Flair der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts findet immer wieder Einzug in die Räume des Hofes. Dazu gehören Lieder aus dieser Zeit, die etwa bei dem Theaterprojekt "Mimamusch" in einem Salon- und Varietéambiente präsentiert werden. Es gibt sogar einen Film über seine Person - "Ragnar - Vater Courage und seine juten Kinder" von Si.Si. Klocker. Einerseits erfahren wir darin die wichtigsten Stationen seines Lebens, andererseits beleuchtet dieser Film auch sein ungewöhnliches soziales Umfeld, bestehend aus Adeligen, KünstlerInnen, Geschäftsleuten, AussteigerInnen und Menschen fremder Nationen und Kulturen.

Übernahme

Dieses Haus beherbergte ehemals eine Kartonagenfabrik der Firma Pollak im Fabriktrakt und stand bei Übernahme kurz vor dem Abriss. Herr Dr. Mathéy konnte dies verhindern und beheimatete KünstlerInnen in diesem Haus. Damals wurde das Haus notdürftig renoviert und hat bis 2005 diesen ruinenartigen, dilettantisch sanierten Zustand behalten. Ungefähr zur gleichen Zeit begannen sich KünstlerInnen im Viertel anzusiedeln und zusammenzuschließen, wobei der Ragnarhof immer schon ein zentraler Treffpunkt war. Thomas Heimel und Nora Lackner wohnten in der Gegend und wurden bei dem ersten Besuch von Ragnar herzlich aufgenommen. Thomas Heimel wurde auch sogleich ein Künstleratelier zu günstigsten Konditionen zur Verfügung gestellt. Nach dem Tod Dr. Mathéys im Jahr 2003 war der Ort zwei Jahre lang eine Art Niemandsland, da eine verfügungsberechtigte Hausverwaltung fehlte. Es wurde relativ schnell klar, dass das Objekt verkauft und sehr wahrscheinlich auch abgerissen werden sollte. Die jetzigen EigentümerInnen fühlten sich verantwortlich für den Ort und wollten ihn so bewahren, wie er ist. Nach langwierigen und schwierigen Verhandlungen mit Gericht, Behörden und Banken wurde das Objekt in der Folge mit Hilfe eines Dritten erworben und mit den Restaurierungsarbeiten begonnen.

Renovierungsphase

Im Zuge der Renovierungsarbeiten war die Erhaltung des Industriecharakters besonders wichtig, Fenster wurden originalgetreu nachgebaut, Holzböden und Dippelbaumdecken teilweise ausgetauscht, Wände auf historische Weise restauriert sowie Nutzräume gefühlvoll in die alte Architektur eingebunden. Dies alles mit einem beträchtlichen Anteil an Eigenleistung.
Die Erhaltung bzw. Umnutzung von historischer Architektur ermöglicht im Falle dieses Bauprojekts ein Umfeld für kulturelle Aktivitäten mit Flair und schafft eine sensibel sanierte Industriearchitektur als Anlaufstelle für Kunstveranstaltungen aller Art. Die unterschiedlichen Nutzungen und Programme dienen auch zur Aufwertung des Viertels, dessen BewohnerInnen den Kunstraum erst zum Leben erwecken.

Im März des Jahres 2008 fand im Ragnarhof die Ausstellung "Reinsetzen - Implantate der Gründerzeit" , ein Projekt der MA 19 für Architektur und Stadtgestaltung und der Gebietsbetreuung für Ottakring, statt. Da die Aufwertung erneuerungsdringlicher Baublöcke durch bauliche, soziale und kulturelle Maßnahmen in Wien als eines der zentralen Aufgaben der Stadterneuerung gesehen wird, wurden für eine Ausstellung zum Thema gründerzeitlich dominante Strukturen Beispiele gesucht. Das Implantat steht als Initialzündung für das dicht bebaute Stadtgebiet, die Wege dorthin - durch Neubau oder Wegnahme (Abbruch, Hofentkernung, neue Freiraumqualitäten) werden nicht unterschieden. Während der Ausstellung wurden Projekte präsentiert, die auf unkonventionelle Art und Weise Impulse für die Umgebung setzen und in der Lage sind, die Lebensqualitäten ihrer NutzerInnen und AnrainerInnen zu verbessern. Von den rund 60 realisierten und unrealisierten Projekten, die vom Wohnfonds Wien, der MA 19 und verschiedenen Architekturbüros eingelangt sind, wurden mit Unterstützung namhafter KuratorInnen 18 Projekte ausgewählt. Der Ragnarhof wurde als Projekt innerhalb der Ausstellung präsentiert und stellte gleichzeitig die räumlichen Strukturen für die Ausstellung zur Verfügung. Ursprünglich sollte die Ausstellung im Az West stattfinden. Die Ausstellung wurde allerdings kurzfristig abgesagt, da der vom Architekturzentrum Wien eröffnete Ausstellungsraum Az West durch anhaltende Subventionskürzungen der Stadt Wien geschlossen werden musste.

Bevor der Ragnarhof jedoch an so einem Ausstellungsprojekt teilnehmen konnte, mussten viele bauliche Maßnahmen getätigt werden. Unzählige Bau- und Umbauphasen gehören zu den Spuren des Alltages. Die Lebensgeschichte der Menschen spiegelt sich in den Veränderungen des Gebäudes wieder. Bauliche Veränderungen an alten Gebäuden brauchen Zeit oder viel Geld, behördliche Vorschriften schreiben schnelle Umsetzungsmaßnahmen vor und verwandeln räumliche Gegebenheiten radikal, wenn man etwa an einen barrierefreien Zugang denkt. Am Ragnarhof wurde bisher versucht, nicht in bestehende architektonische Strukturen einzugreifen, außer was veranstaltungstechnisch notwendig war, wie z.B. das Ersetzen alter Industriestahltore durch feuerfeste Türen, die für Fluchtwegbestimmungen erforderlich waren. Es wurden notwendige Strukturen wie Gas, Wasser, Heizung und Sanitäreinheiten mit traditionellen Baumitteln geschaffen.
Die BewohnerInnen leben naturgemäß auch mit den eigenwilligen Baueingriffen des vorigen Eigentümers, dessen Name dieser Ort nun trägt. Auch sind die architektonischen Veränderungen der letzten eineinhalb Jahrhunderte zu erkennen und sind ein Teil des jetzigen Erscheinungsbildes. Der Hof veränderte sich über die langen Zeiträume und wurde von seinen BewohnerInnen an ihre jeweiligen Bedürfnisse angepasst.
Ein Teil des Charmes des Ragnarhofs rührt auch von aus Wänden ragenden Rohren und Leitungen und vom Flair des Hinterhofs, der sich wie der Ausstellungs- und Veranstaltungsraum ständig wandelt. Der Platz wird unter anderem von den KünstlerInnen geprägt, die den Ort bespielen oder als Arbeitsraum, Lagerfläche oder Müllhalde verwenden. Der Müll wird teilweise wiederverwendet, so wie gelagertes Material oder Kunst auch mal zu Müll wird. Andererseits werden die Räume als Präsentationsfläche genutzt, die sich immer in einem neuen Licht zeigen, da sie von unterschiedlichen GestalterInnen bespielt werden. Die Entstehungs- und Präsentationsabläufe der Kunstprojekte verwandeln die Räume je nach Bedarf und Verwendung.